Was heißt es, als Unternehmen AI Native zu sein? Es dreht sich nicht um neue Funktionen für Nutzer und auch nicht um Tools für die Mitarbeiter. Es ist ein Modell dafür, wie ein Unternehmen geführt wird. Es geht darum, wie du arbeitest, wie du denkst und wie du und deine Firma atmen. Es ist ein Re-Design, eine Neuverdrahtung, ein Philosophie-Wechsel, von „Wie skalieren wir Menschen?“ hin zu „Wie skalieren wir Entscheidungen, Kreativität und Umsetzung mit KI-Infrastruktur?“
In diesem Beitrag arbeiten wir uns schrittweise bis ins höchste Level der KI-Integration vor. Am Ende diskutieren wir, welche Unternehmen hier wirklich die Speerspitze sind und warum der Schritt von 2 auf 3 für viele Unternehmen eine große Hürde ist.

Dieser Beitrag wurde uns von Zukunftsforscher Jens Hansen zur Verfügung gestellt. Zukunftsforscher und Speaker Jens Hansen verpackt seine Ausblicke zu KI und Digitalisierung in spannende Vorträge und Geschichten. Dabei zeichnet er ein anschauliches Bild von der Zukunft. In seinen Vorträgen gibt er außerdem Inspiration für das eigene Handeln. Als gefragter Speaker ermutigt er auf Events und Kongressen, aber auch in seinen Videos, die sich bietenden Chancen der Veränderung zu ergreifen.
Wie gehen wir mit der Veränderung durch KI um? Als Unternehmen, als Person und als Gesellschaft. Wo stehen die Unternehmen beim Thema KI‑Adaption? Ich sehe hier 6 verschiedene Reifelevel, die sich beim KI-Einsatz auf 5 Stufen verteilen.
Level 0 und 2: Zwischen Abstinenz und Schatten-KI
Für 15 % der Unternehmen ist KI überhaupt noch kein Thema. Keine Zeit. Keine Lust. Kein Geld. Angst. Unwissenheit. Abwarten. Manche verkraften gerade noch den schmerzhaften Abschied vom Faxgerät und haben erst mal genug von Veränderung. Der Anteil der KI-Abstinenzler war in der Vergangenheit noch erheblich höher. Doch dieser ist in letzter Zeit schnell gefallen.
Viele haben sich zumindest von Stufe 0 in die erste KI-Stufe aufgemacht. 45 % der Unternehmen befinden sich in dieser Erstkontakt- und Experimentierphase. Das liegt vor allem an neugierigen Mitarbeitern, denn bei vielen dieser Unternehmen weiß die Geschäftsführung nichts davon. Das nennt man dann Schatten-KI. Private KI-Accounts, die im Unternehmen genutzt werden. Oder irgendwer hat noch ein bisschen Budget über und investiert daraus. Das Problem: keine Regeln, kein KI-Datenschutz. Eben mal die Kundendaten in ChatGPT geworfen, um zu sehen, was passiert. Da ist es schon besser, wenn die Geschäftsführung das Ruder selbst in die Hand nimmt. Anbieter mit Datenschutz auswählt, Regeln definiert und Budgets für Pilotprojekte bereitstellt.
Etwas weiter sind die Unternehmen in Stufe 2. Hier wird KI schon flächendeckend adaptiert. Oft mit Tools, die über andere Anwendungen bereitgestellt werden. So etwas wie Copilot in Windows oder Gemini im Google Workspace. Alle Mitarbeiter haben damit Zugriff auf die KI. Doch wer nutzt sie dann wirklich aktiv? Hier zählt mehr die Hoffnung, dass den Mitarbeitern schon Ideen einfallen, was man machen könnte. Viel Potenzial wird verschenkt. Ein Lichtblick sind hier Pilotprojekte in einzelnen Abteilungen für ausgewählte Miniprozesse oder gezielte KI-Prozessautomation.
Die „digitale Decke“: Warum der Sprung auf Level 3 so schwer ist
In der dritten Stufe sieht das alles schon ganz anders aus. Der Impact von KI wird ernst genommen. Doch der Sprung von 2 auf 3 ist extrem groß. Genau hier fällt einem in der eigenen IT-Infrastruktur alles auf die Füße, was in den letzten Jahren nicht gut digitalisiert wurde. Jeder analoge Prozess, jedes alte System ohne APIs zur Systemanbindung, jede Insellösung, jede unaufgeräumte Datenbank, gerne auch unsaubere Stammdaten. Einfach alles kommt genau jetzt hoch und stellt sich als Bremsklotz in den Weg.
Wo man in Stufe zwei noch dachte, man könnte KI als Sahnehäubchen von oben auf die Prozesse setzen, geht es jetzt ans Eingemachte. Denn die KI soll an die bestehenden Systeme angebunden werden, soll mit den Daten arbeiten, soll Silos überwinden und verschiedene Datenpools miteinander verknüpfen, um neue Erkenntnisse daraus zu gewinnen. Prozesse rücken in den Fokus, die durch integrierte KI-Lösungen viel Kosten einsparen können. Kein Wunder, dass sich in dieser Gruppe nur 10 % der Unternehmen befinden. Genau hier beginnt die harte Arbeit.
Jetzt müssen ganzheitliche Konzepte her. Und gerne auch größere Budgets. Denn eventuell ist es jetzt nötig, die Endgeräte, das ERP-System oder die Lagerhaltung auf die neueste Softwareversion zu bringen. Bei SAP ist das fast immer mehr als nur ein „Update“. Genauso groß wie der Aufwand ist auch der Gewinn, wenn die Projekte umgesetzt sind. Wettbewerbsvorteile gegenüber der Konkurrenz. Die Möglichkeit, sich positiv abzusetzen. Mit besserem Service oder günstigeren Kosten. KI wird zum Kernwerkzeug. Wer diesen Sprung geschafft hat, sticht hervor.
Ab dieser Stufe lohnt es sich, erfolgreiche Unternehmen genauer anzuschauen. In dieser Gruppe sind häufig Unternehmen, die es geschafft haben, ihre eigenen Produkte und Services erheblich mit KI anzureichern. Und auch KI-unterstützte Prozesse zu etablieren. SAP hat dieses mit Joule & S/4HANA geschafft und deckt viele Unternehmensprozesse ab. Auch bei T-Systems von der Telekom ist man weit gekommen. Durch die Telekom AI Foundation wird für Kunden und auch für die gesamte Unternehmensgruppe eine leistungsstarke KI-Plattform für Geschäftsprozesse bereitgestellt.
Level 4: KI-Driven, wenn KI zum Kern des Geschäftsmodells wird
Stufe vier ist nur wenigen Unternehmen vorbehalten. Die Unternehmen sind KI-Driven. Hier funktioniert das Unternehmen ohne KI nicht mehr. Nur 4 % der Unternehmen lassen sich dieser kleinen Gruppe zuordnen. Selbst Unternehmen, die wir als hochinnovativ wahrnehmen, schaffen es nicht bis hier. Ganz vorn dabei ist Amazon. Viel passiert hier mit KI-Unterstützung in Kernprozessen wie Preisgestaltung, Logistiksteuerung oder Lagerrobotik.
Auch Netflix setzt umfassend auf KI. Filmempfehlungen für die Zuschauer oder die Entscheidung für eigene Filmproduktionen. Damit ist die Rentabilität des gesamten Geschäftsmodells klar von den Fähigkeiten der KI abhängig. Versagt die KI, scheitert das Unternehmen.
Start-ups als „AI Native Companies“ auf dem höchsten Level 5
Die absolute Top-Gruppe macht weniger als 1 % der Unternehmen aus. Kein einziges älteres Unternehmen ist mit dabei. Selbst die Tech-Giganten schaffen es nicht in diese Gruppe. Hier tummeln sich nur hochinnovative Start-ups. Provokant könnten diese Unternehmen von sich sagen: Wir sind ein Algorithmus mit Rechtsform. Die Unternehmen sind tief in KI-Technologie eingetaucht und müssen vieles selbst entwickeln, was am Markt in dieser Form bisher nicht verfügbar ist.
Da ist es kein Wunder, dass hier viele Start-ups zu finden sind, die Code mit KI generieren können. Beispiele sind Anysphere mit ihrem KI-Nativen Code-Editor Cursor. Oder auch Anthropic, das Unternehmen hinter dem KI-Modell Claude. Bei Anthropic nutzen die Mitarbeiter das eigene Tool Claude Code sehr intensiv, um die Modelle weiterzuentwickeln. Das erhöht die Entwicklungsgeschwindigkeit erheblich. Einzelne Entwickler verbrauchen im Jahr mehr Token, als in Europa für einen Entwickler gezahlt wird. Doch nur so kann man im Wettrennen um die beste KI bestehen.
Strategischer Ausblick: Der Mensch in der KI-Transformation
Neben der technischen und organisatorischen Veränderung von Stufe 1 zu Stufe 5 stellt sich auf jeder neuen Stufe auch immer wieder die gleiche Frage: Wo bleibt der Mensch? Welche Mitarbeiter brauche ich? Welchen Mehrwert kann der Mensch noch generieren? Wie kann ich bestehende Mitarbeiter weiterentwickeln? Das Gleiche gilt auch für die Kunden. Wie verhält sich der Kunde? Wo möchte er weiterhin Mitarbeiterkontakt und wo zieht er sogar eine KI vor?
KI wird in Zukunft eine Überlebensfrage für Unternehmen sein. Wer hier proaktiv ist, hat Chancen. Wer zu lange zuschaut, verliert den Anschluss. Irgendwann uneinholbar. Doch das gilt nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Führungskräfte, Mitarbeiter und auch für uns als Europa. Jeder, der hier anpackt, bringt das Ganze nach vorn. Wo stehst du mit deinem Unternehmen, wo stehst du als Person?
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